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Eine Frage des Willens

Interview mit Brigitte Sauzay

Zeitschrift für KulturAustausch: Mit Ihrem Buch "Retour à Berlin" wollen Sie Lust auf Europa machen. Sie machen den Leser neugierig auf das Nachbarland, wecken Interesse. Was kann man Ihrer Meinung nach noch tun, um Lust auf Europa zu machen?

Brigitte Sauzay: Filme machen, zum Beispiel! Aus diesem Grund haben wir ja auch die deutsch-französische Filmakademie Berlin ins Leben gerufen. Europa braucht eine Identität. Und eine Identität nährt sich aus Bildern. Deshalb brauchen wir Filme – ich finde es bedauerlich, dass wir in Europa bislang kaum Bilder von uns selbst haben. Wir haben auch nicht genügend Epen, die uns eine europäische Identität erzählen könnten.

KulturAustausch: Der Anteil des französischen Films in Deutschland ist verschwindend gering, er liegt bei unter 2 Prozent. Der deutsche Film in Frankreich liegt sogar bei unter 1 Prozent. In allen europäischen Ländern zeigt sich der Trend, dass neben den Hollywood-Produktionen nur noch der nationale Film an den Kinokassen Erfolg hat. Was kann man dagegen tun?

Sauzay: Vielleicht kann man sich an dem französischen Experiment ein Beispiel nehmen. Es gibt in Frankreich eine Verpflichtung für die Rundfunksender, einen gewissen Prozentsatz französischer Musik auszustrahlen: Prompt zeigte sich ein starker Anstieg beim Verkauf der entsprechenden CD's. Man kann sich durchaus denken, dass man das auch auf europäische audiovisuelle Produkte erweitern könnte.

KulturAustausch: Haben hohe Verkaufszahlen nur mit staatlicher Reglementierung zu tun, oder geht es da auch um Geschmack und Gewohnheit?

Sauzay: Auch das spielt eine Rolle. Tom Tykwers Film "Lola rennt" hatte überall Erfolg – nur nicht in Frankreich. Warum? Weil dies ausgerechnet die Art von Film ist, die man in Frankreich nicht versteht. Für die Franzosen war "Lola rennt" ein Clip. In Frankreich erwartet man in einem Film viel Konversation, viel Esprit. In Deutschland dagegen gelten die französischen Filme häufig einfach als geschwätzig. Aber es gibt eine Fülle von Beispielen dafür, dass deutsche Filme in Frankreich Erfolg hatten: Denken Sie an "Der Himmel über Berlin" von Wim Wenders. Deutsche und französische Produzenten müssen sich zusammentun, um gemeinsam mehr Mittel für den europäischen Film zur Verfügung zu haben. Ich habe mich für die Gründung der deutsch-französischen Filmakademie stark gemacht, damit sich Produzenten und Regisseure beider Länder regelmäßig treffen und diese Fragen diskutieren. Ziel ist, dass ein dichtes Netzwerk entsteht.

Der deutsche Film? ("Anatomie")

KulturAustausch: Gibt es nicht auch eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber den Kulturproduktionen des Nachbarn?

Sauzay: Doch, weil es eine dominierende weltweit geltende Kultur gibt.

KulturAustausch: Ist in Frankreich das europäische Bewusstsein weiter fortgeschritten als in Deutschland?

Sauzay: Die Franzosen sind erwacht, was Europa angeht. Seit zwei, drei Jahren haben immer mehr Hochschulen in Frankreich in der Studienordnung einen Auslandsaufenthalt vorgesehen. Gerade weil viele französische Ideen – die der Republik, des Staatsdieners usw., – mit der Globalisierung nicht in Einklang zu bringen sind, wurde ein Leidensdruck erzeugt, der zur Reflexion zwingt. Man erkennt, dass die französische Kultur in einem europäischen Umfeld verankert ist: Es gibt keine französische Geschichte ohne deutsche Geschichte und umgekehrt.

KulturAustausch: André Glucksmann hat festgestellt, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern zwar immer enger werden, dass sich gleichzeitig aber Deutsche und Franzosen so fremd seien wie nie zuvor.

Sauzay: Das war vor drei Jahren. Seitdem hat sich doch viel getan. Neben dem Film ist auch das Fernsehen ein gutes Beispiel dafür. Mit Hilfe von Bundeskanzler Schröder habe ich die Initiative ergriffen und den Anstoß zu einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen den deutschen und den französischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern gegeben. Die Intendanten haben sich zusammengesetzt und denken über Kooperationsverträge nach. Das ZDF hat beispielsweise hervorragende Erfahrungen mit den Europa-Nachrichten gemacht. Wir wollen eine Präsenz, die über gegenseitige Korrespondentenberichte hinausgeht. Zunächst deutsch-französisch, langfristig aber europäisch.

KulturAustausch: Wie passt es da ins Bild, dass TF1, immerhin der größte französische Sender, jetzt das Büro in Berlin schließt?

Sauzay: Die haben wahrscheinlich gemerkt, dass es auch anders geht: durch den Zugriff auf den Bilderfundus anderer Sender und Agenturen. Das scheint ihnen preiswerter zu sein. Außerdem ist das ein Privatsender. Die Kostenfrage bei der Auslandsberichterstattung könnte aber auch anders gelöst werden, möglicherweise durch gemeinsame Korrespondentenbüros der öffentlich-rechtlichen Sender.

KulturAustausch: Gemeinsame Büros im Ausland. Das ist etwas, wovon deutsche und französische Kulturinstitute seit Jahren sprechen ...

Sauzay: Aber jetzt wollen das Goethe Institut Inter Nationes und die französischen Kulturinstitute stärker kooperieren.

KulturAustausch: Das Goethe-Institut plant weitere Schließungen in Frankreich, und auch das Institut Français will Einschnitte in Deutschland machen.

Sauzay: Ich hoffe, dass die Präsenz im jeweiligen Nachbarland künftig andere Formen annehmen wird. Natürlich ist es auch weiterhin sehr wichtig, dass es in jedem Land Menschen gibt, die zur "métissage de culture", zur Mischung der Kulturen, beitragen können und das Zusammengehörigkeitsgefühl in Europa stärken.

KulturAustausch: Es wird häufig beklagt, dass gesellschaftlich relevante Fragen nur national erörtert werden. Stichworte sind BSE, Leitkultur, Einwanderungspolitik, Rassismus, Rechtsradikalismus...

Sauzay: Sie haben recht. Trotzdem bewegt sich etwas. Ein Beispiel: Die Zahlen der Arbeitslosigkeit in Deutschland sind gerade bekannt geworden, sofort hat mich ein französischer Rundfunksender um ein kurzes Interview dazu gebeten.

KulturAustausch: Und die Leitkultur? In Deutschland hat sie über Wochen die Gemüter erhitzt, aber kein französischer Intellektueller hat seine Meinung dazu gesagt.

Sauzay: Diese Debatte ist für einen Franzosen sehr schwer zu verstehen. Die Franzosen hatten schon immer eine Leitkultur. In Frankreich fürchtet man höchstens, sie zu verlieren, weil die Kapazität zur Integration erschöpft ist.

KulturAustausch: Aber darum geht es in Deutschland doch auch! Sollte man sich hier nicht stärker verzahnen, etwa in den Debatten der Feuilletons?

Sauzay: Genau das möchte ich vorantreiben. Seit Februar organisiert mein Arbeitsstab im Bundeskanzleramt eine neue Serie von Gesprächsrunden mit dem Titel "Kontrovers": Deutsche und Franzosen diskutieren dort gemeinsam aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen rund um die Frage "Was passiert mit Europa?".

KulturAustausch: Was ist die zentrale Aufgabe der Kanzlerberaterin Brigitte Sauzay, um einen gesellschaftlichen Dialog zwischen Deutschland und Frankreich herbeizuführen?

Sauzay: Ich bin etwas sehr Neues – eine europäische Erscheinung. Mein Amt kann es nur geben, weil die schwierige Rivalität zwischen unseren Ländern der Vergangenheit angehört. Ich bin auch deshalb etwas Neues, weil ich nicht nur an der Schnittstelle zwischen beiden Ländern, sondern zwischen den politischen Beziehungen und der Zivilgesellschaft sitze. Das gab es bisher noch nicht. Ich rechne es dem Bundeskanzler hoch an, dass er eine so moderne Struktur geschaffen hat. Mein Amt ist ein Zeichen seines Sinns für den Wandel.


"Halbe Treppe"

KulturAustausch: In "Le Monde" erschien im November ein Artikel, der eine enttäuschende Bilanz unter Ihre bisherige Wirkungszeit im Bundeskanzleramt zog. Was ist Ihre persönliche Bilanz nach gut zwei Jahren im Amt?

Sauzay: Meine persönliche Bilanz ist die von Bundeskanzler Schröder: Am Ende der Pressekonferenz nach dem deutsch-französischen Gipfel in Vittel im November 2000 hat er sich lobend über meine Tätigkeit geäußert. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

KulturAustausch: Kann es sein, dass man Ihre Bemühungen nicht ernst genug nimmt? Dass der Eindruck herrscht, Sie gehen den "harten" politischen Fragen aus dem Weg und widmen sich statt dessen den "weichen" kulturellen Themen?

Sauzay: Natürlich gibt es politische Themen, in die ich mich nicht einmischen möchte. Eine Französin im Bundeskanzleramt – das ist schon brisant genug. Ich möchte mich aus manchen Bereichen heraushalten, um nicht deplaziert zu wirken. Aber ist das wirklich so ein weiches Thema, als Französin Zugang zu deutschen Machtzentren zu haben? Nicht die Machtlosigkeit, sondern die Macht ist der Grund, weshalb ich zuweilen angegriffen werde.

KulturAustausch: Es hat oft geheißen, dass die deutsch-französischen Beziehungen auf politischer Ebene einigermaßen funktionierten, und die Kernaufgabe nun im Dialog der Zivilgesellschaften liege. Bei dem EU-Gipfel in Nizza schien aber die politische Ebene unfähig zum Dialog.

Sauzay: Die Politik hat sehr viel bewirkt. Ich weiß das, weil ich die Prozesse schon lange Zeit begleite. Jean Monnet und Robert Schuman, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, Giscard d´Estaing und Helmut Schmidt, François Mitterrand und Helmut Kohl haben uns bis zum Euro geführt. Die ganzen europäischen Strukturen wurden von der Politik geschaffen, ohne dass sich die Zivilgesellschaft viel darum gekümmert hätte. Damit wurde viel erreicht. Jetzt – mit der Einführung des Euro – verhält sich die Politik wie ein Marathonläufer, der es gerade noch schafft, die Ziellinie zu erreichen, und der dann erschöpft zusammenbricht. Vorher aber wurde die Staffel noch übergeben – an die Zivilgesellschaft. Langsam wird ihr klar, dass sie jetzt am Start ist und mit dem, was erreicht wurde, etwas anfangen muss. Die Politik steht vor neuen Herausforderungen. Insofern ist der Dialog der Zivilgesellschaften – einer meiner Arbeitsschwerpunkte – heute wichtiger denn je.

KulturAustausch: Was den Gipfel von Nizza betrifft, so hat die französische Diplomatie auf nahezu altmodische Weise angebliche nationale Interessen verfochten. Dabei fühlen sich laut Eurobarometer 59 Prozent der Franzosen als Bürger mit europäischer Identität, gegenüber 49 Prozent der Deutschen. Ging Nizza an den Bedürfnissen der Gesellschaft vorbei?

Sauzay: Die französische Politik befindet sich mit der "cohabitation" in einer nicht gerade entscheidungsfreudigen Lage.

KulturAustausch: Lag es nicht auch am stotternden deutsch-französischen Motor?

Sauzay: In Deutschland wird nicht immer genügend verstanden, wie groß die Bedeutung ist, die die Franzosen der Freundschaft mit Deutschland beimessen. Sie wird als ein Grundstein für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen. Manchmal sind die Franzosen etwas verunsichert, weil sie den Eindruck haben, dass die Deutschen in dieser "Freundschaft" nicht den gleichen Grundstein gesehen haben, sondern den Versuch, die eigene Machtposition zu festigen. Andererseits fällt es Frankreich schwer, sein Selbstverständnis in einer sich verändernden Welt zu definieren. Kurz nach Maastricht fing der deutsch-französische Dialog schon an darunter zu leiden. Deshalb habe ich 1993 gemeinsam mit Rudolf von Thadden das Berlin-Brandenburgische Institut für Deutsch-Französische Zusammenarbeit gegründet.

Filmplakate "Halbe Treppe" Deutschland / Frankreich

KulturAustausch: Inwieweit ist das "Weimarer Dreieck" – die Ausweitung der deutsch-französischen Beziehungen auf Polen – dazu geeignet, neuen Schwung in die Beziehung zu bringen? Wird sich Frankreich nicht vernachlässigt fühlen?

Sauzay: Die Zeit der Rivalitäten ist vorüber. Auch, wenn es wie in einer Familie Gefühle von Neid und Konkurrenz geben kann. Es muss vor allen Dingen der Sinn für das Gemeinwohl in Europa und für die gemeinsame Identität gestärkt werden. Ich denke aber auch, dass mittlerweile ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Erweiterung in Frankreich existiert. Die Franzosen wissen, dass Europa ohne Erweiterung heute nicht funktionieren kann. Die Franzosen haben auch dort ihre Rolle zu spielen.

KulturAustausch: Eine Herausforderung für die Bildungspolitik. Wie kann sie zur europäischen Bewusstseinsbildung beitragen?

Sauzay: Im letzten Jahr lief die Pilotphase für "Voltaire" an, ein einjähriges Stipendienprogramm für Schüler, das wir in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk ins Leben gerufen haben. Schon seit Jahren ist es selbstverständlich, dass deutsche Schüler ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbringen. Mit Frankreich hingegen gab es bislang nur Austauschprogramme für kurze Aufenthalte – hier eine Ferienaktivität, da ein Sprachkurs. Wollte man ein Schuljahr in Frankreich verbringen, musste man das meist privat organisieren. Jetzt wurde diese Möglichkeit institutionalisiert. Wer mit 16 oder 17 ein Jahr im Nachbarland verbringt, wird davon tief geprägt.

KulturAustausch: Wird im Schulunterricht dem Nachbarland genügend Raum gegeben?

Sauzay: Auch hier besteht Nachholbedarf. Zusammen mit dem Georg-Eckert-Institut haben wir beschlossen, neues Unterrichtsmaterial zu erstellen, in dem die deutsch-französischen Beziehungen ausführlicher behandelt werden.

KulturAustausch: Die deutschen Bestsellerlisten sind häufig von nichtdeutschen Autoren angeführt. In Frankreich hingegen bevorzugt man die einheimischen Literaten. Liegt das an den langweiligen deutschen Schriftstellern oder an den uninteressierten Franzosen?

Sauzay: Ich glaube, dass beides eine Rolle spielt. Man kann beispielsweise nicht erwarten, dass jemand wie Uwe Johnson von einem breiten Publikum in Frankreich gelesen wird. Man muss dazu zu viel über Deutschland wissen. Es gibt aber durchaus auch Werke von deutschen Autoren, die in Frankreich Erfolg haben. "Der Vorleser" von Bernhard Schlink etwa oder "Das Parfum" von Patrick Süßkind. In Deutschland hatte Benoîte Groult mit "Salz auf unserer Haut" riesigen Erfolg. Auch Christian Jacq mit seiner mehrbändigen Reihe über Ramses II wird sehr viel gelesen. Es gibt diese Glücksfälle – nur wäre es schön, wenn es noch mehr von ihnen gäbe. Um dem Glück ein wenig unter die Arme zu greifen, organisierten wir kürzlich verschiedene Begegnungen namhafter französischer Verleger mit deutschen Politikern, Vertretern aus Buchhandel und Vertrieb sowie mit unterschiedlichen Autoren. Es fand auch ein Gespräch mit dem Bundeskanzler statt. Gemeinsam sollte nach den Schnittstellen zwischen deutscher und französischer Literatur gesucht werden: Was ist am deutschen Angebot für Franzosen geeignet, und wie verhält es sich umgekehrt? Wenn hier eine sichere Auswahl getroffen wird, wird es häufiger vorkommen, dass deutsche Bücher auf französischen Bestsellerlisten erscheinen.

KulturAustausch: Planen Sie schon über das Jahr 2002 – das Ende der Legislaturperiode – hinaus?

Sauzay: Da redet auch meine Familie ein Wörtchen mit. Mein Mann und meine drei Kinder leben in Paris. Für uns alle stellt die Trennung ein großes Opfer dar. Wenn ich meine Kinder nach Berlin holen und mein Mann pendeln könnte, wäre es schön, noch ein wenig länger die Prozesse in Berlin begleiten zu können.

Das Interview führten Sebastian Körber und Mirjam Weber.

© Zeitschrift für KulturAustausch 04/2000
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