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Alle fünf Jahre blickt die Kunstwelt nach Kassel: Die Documenta gilt als Weltschau der aktuellen Kunst – und nie war sie internationaler als 2002. Die Documenta 11 sendet unter Leitung von Okwui Enwezor Signale aus dem globalen Dorf. Noch bis 15. September beschäftigt sie sich mit Fragen der Globalisierung wie der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, dem Aufeinanderprallen von Arm und Reich, Macht und Ohnmacht, mit den Konflikten und ihren Folgen. Mit der Vielfalt.

von Janet Schayan

Kutlug Ataman, geboren in Istanbul, lebt in London; Artur Barrio, geboren in Porto, lebt in Rio de Janeiro; Ouattara Watts, geboren in Abidjan/Elfenbeinküste, lebt in New York; Fiona Tan, geboren in Indonesien, lebt in Berlin. Und zur Zeit sind sie alle in Kassel in Nordhessen. Vier von 118 Künstlerinnen und Künstlern der Documenta 11, die eines verbindet: Sie leben an den Schnittstellen der Kulturen, sind zu Hause im “globalen Dorf”. Mit ihrer Biografie stehen sie für die geografische Vielfalt der Stimmen, die die Documenta prägen – und die in keiner der vorausgegangenen Schauen je größer war. Zwar trägt die Documenta seit Gründung im Jahr 1955 gern das Etikett “Weltkunstschau”, in dieser ersten Documenta des neuen Jahrtausends aber verkörpert sie es wohl zum ersten Mal wirklich: Die künstlerische Nord-Süd-Passage durch die Kontinente und Kulturen führt von der Gruppe Igloolik Isuma Productions aus der kanadischen Arktis bis zu Destiny Deacon, die zur Generation der “urban aboriginal”-Künstler Australiens gehört. Die vermeintlich Peripherie rückt ins Zentrum.

Was kann diese Vielfalt thematisch verbinden und zusammenhalten? Globalisierung, Transnationalität, Postkolonialismus heißen die Themen-Schlagworte der Documenta 11. Die Kunst, die Kassel 2002 zeigt, beschäftigt sich mit den Fragen, die uns die Globalisierung stellt: mit der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, mit dem Aufeinanderprallen von Arm und Reich, Macht und Ohnmacht, mit den Konflikten dieser Welt und ihren Folgen für die Menschen. Mit der Vielfalt. Nicht Kunst um der Kunst willen, sondern Kunst als Teil des intellektuellen Diskurses über die Welt, in der wir leben –, das ist das Konzept des künstlerischen Leiters Okwui Enwezor. Die Documenta 11 bringt das Politische und die Sozialkritik zurück in die Kunst. Hier geht es nie allein um die Form, immer auch um den Inhalt. Hier hat die Kunst eine Botschaft und sendet sie als Signale aus dem “global village” – in Form von Videos, Installationen, Fotografie, Internetprojekten, aber nur selten noch als Malerei. Mehr als zwei Drittel der ausgestellten Arbeiten wurden eigens für die Documenta geschaffen.

Zur Pressekonferenz Anfang Juni kamen 2500 Journalisten aus aller Welt nach Kassel – ein Gradmesser für das Interesse am Ereignis Documenta 11. Immer wieder wird in den Medien betont, dass der gebürtige Nigerianer Enwezor mit Wohnsitz in New York, der erste nicht-europäische Kurator der Kasseler Kunstschau sei. “Was immer das heißen mag”, sagt Enwezor dann gern. Denn für den Politikwissenschaftler, Kurator und Dichter ist die “Nähe der Ferne” das Thema, nicht die Exotik: “Die postkoloniale Welt ist eine Welt der Nähe, nicht eine Welt des Anderswo.” Und diese Welt rückt zusammen, wird zum Raum, in dem die Spannungen zusammenlaufen. Am deutlichsten wird dieser Gedanke vielleicht in der Videoinstallation “From the Other Side” der belgischen Filmregisseurin Chantal Akerman: In mehreren Reihen hintereinander hat sie Videorekorder arrangiert, auf deren Monitoren das Diesseits und Jenseits der Grenze zwischen Mexiko und den USA zu sehen ist, hier das staubige Niemandsland, dort der emsig befahrene Freeway – dazwischen die festungsartige Mauer als Trennlinie von Arm und Reich. Wer sie in Richtung Reichtum überqueren will, wird wie ein Tier mit Scheinwerfern und Wärmedetektoren gestellt. Das Versprechen des amerikanischen Traums und das Trauma derer, die zufällig auf der anderen Seite des Wohlstands geboren wurden, nur wenige Kilometer entfernt. Eindringliche Bilder einer globalisierten, aber getrennten Welt.

Den westlichen Fokus sprengen

“Die Postkolonialität sprengt den engen Fokus westlicher globaler Sicht und fixiert ihren Blick auf die größere Sphäre der neuen politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse”, schreibt Enwezor in seinem Katalogvorwort. Um dieses weite Feld einzukreisen, haben der Documenta-Chef und seine sechs internationalen Co-Kuratoren die Schau in fünf Plattformen unterteilt: Die Plattformen eins bis vier haben bereits stattgefunden – als Diskussionsveranstaltungen in Asien, Afrika, Europa und der Karibik. Für Enwezor und sein Team sind sie elementare Bestandteile der Documenta 11, keine Zugabe. Und deshalb sind die Diskussionsbeiträge auch im Internet als Videos herunterzuladen und in mehreren Publikationen nachzulesen. Die Themen der Plattformen – Demokratie als unvollendeter Prozess, Rechtssysteme im Wandel, Kreolisierung, Urbanität – setzten den inhaltlichen Rahmen für die fünfte Plattform, die eigentliche Ausstellung in Kassel. Viel Kritik und Unverständnis hatte das Feuilleton zunächst für diese Theorieliebe des Documenta-Chefs übrig, für die scheinbar konservative Rückkehr zum Politischen in der Kunst. Jetzt, da das Ergebnis sichtbar ist, fällt das Urteil überwiegend positiv aus: Die Documenta 11 ist sinnlicher geworden als erwartet, auch wenn einige spröde und nur durch viel Lektüre erschließbare Arbeiten durchaus zu sehen sind.

Mag sein, dass die Documenta 11 in der Stadt Kassel weniger “sichtbar” ist als frühere Veranstaltungen, sieht man einmal von den leuchtend bunten Fahnen und Plakaten ab. Es gibt nur wenig Kunst im Raum, wenige Aktionen, die die Documenta-Spielstätten im klassizistischen Museumsbau Fridericianum, in der Documenta-Halle oder dem Kulturbahnhof verlassen. Dafür hat Enwezor der Documenta einen neuen Raum geschaffen, der sich zum Herzstück dieser Ausstellung entwickelt hat: Das Gelände einer ehemaligen Bierbrauerei im Osten der Stadt, die Binding-Halle, verdoppelt die bisherige Documentafläche nahezu. Der Fabrikbau ist eine ideale Ausstellungsplattform: Große lichte Räume, kleine Kammern, verwinkelte labyrinthartige Gänge, die zu immer neuen Begegnungen führen.

Zeit als Obolus und Thema

Dass Sozialkritik und das Politische in der Kunst nicht kalt und theoretisch ausfallen müssen, zeigt hier die Französin Annette Messager mit der Inszenierung eines bunten Plüschmarionettentheaters – auf den ersten Blick ein amüsantes Durcheinander von auf und ab schwebenden Puppen und Stofftieren, auf den zweiten ein Horrorszenario von Versehrtheit und Unterdrückung. Körperliches Unbehagen befällt auch jeden, der die begehbare Installation der Kubanerin Tania Bruguera betritt. Mit grellen Scheinwerfern blendet sie die Besucher, lässt sie die Orientierung verlieren, dazu eine bedrohliche Geräuschkulisse von Gewehren, die immer wieder durchgeladen werden. Eine angenehmere sinnliche Erfahrung bereitet Artur Barrio aus Brasilien in einem ganz mit Kaffee ausgeschütteten schmalen Raum.

Viele der kleineren Räume gehören der Videokunst: Der Chinese Feng Mengbo hat hier seine interaktive Internet Performance installiert, ein Baller-Videospiel, bei dem die Besucher mitmetzeln können, ohne zu wissen, ob sie oder der Künstler gerade am Zuge sind. In dem Raum des Engländers Craigie Horsfield geht es dagegen ruhig zu, bekommt die Zeit eine andere Dimension – zehn Stunden dauert “The El Hierro Conversation”, ein gefilmtes “soziales Archiv” über die Bevölkerung der kleinsten Kanarischen Insel.

3sat.de/specials/33002
Geschichte der Documenta

documentaarchiv.de
Documenta-Archiv - "Kunstgedächnis" der Stadt Kassel

universes-in-universe.de/car/documenta
Abriss Geschichte der Documenta

documenta11.de/data/german
Offizielle Seite Documenta XI

documenta.de/d12_deutsch.html

erste Informationen zur Documenta XII

epd.de/entwicklungspolitik/2488_8956.htm
die Politisierung der Kunst

tzw.biz/www/home/article.php?p_id=538
die Documenta XI - ein grenzenloses Projekt

Zeit sollte ohnehin mitbringen, wer nach Kassel kommt, denn gerade viele der Videoinstallationen fordern diesen Obolus vom Betrachter. Die Zeit als Thema spielt auch ganz direkt mit – etwa beim Projekt des Japaners On Kawara, der längst zu den Etablierten des internationalen Kulturbetriebes zählt. Mit “One Million Years” zeigt er in einem zentralen Raum des Fridericianums, wie sehr Daten das Maß menschlicher Existenz bestimmen: ein Mann und eine Frau lesen abwechselnd alle Jahreszahlen von 998 031 vor Christus bis 1969 und von 1969 bis 1 001 995 vor – Vergangenheit und Zukunft erfahrbar in der Gegenwart. Auch dies eine Art Archivierungsversuch, ein Thema, das vielfach aufgegriffen wird, sei es in der Schwarz-Weiß-Fotografie des Südafrikaners Santu Mofokeng, der Gefängnisse in Townships zeigt, oder auf die Art von Georges Adéagbo: Er hat Fundstücke aus Benin und Kassel in einem Raum komponiert, eine Spurensammlung aus Nord und Süd – ein Holzboot, traditionelle Skulpturen, daneben eine Platte mit deutschen Schlagern aus den 70ern, Bücher, Kleidung. “Was die Menschen hier wegschmeißen”, kommentiert Adéagbo, “das ist, als würde man Geld wegschmeißen”.

Das nackte Kapital in Form eines dicken Bündels 500-Euroscheine hinter Glas steht im Mittelpunkt von Maria Eichhorns DocumentaBeitrag: Die Deutsche hat eine Aktiengesellschaft gegründet, deren Ziel es ist, keinen Gewinn zu dulden. Verkehrte Welt im Turbokapitalismus. Der Gründungsvorgang, die Urkunden und Verträge sind im Ausstellungsraum zu sehen und nachzulesen – kein ästhetisches Vergnügen, vielleicht ein gedankliches. Mit leichterer Hand ist dagegen dem Brasilianer Cildo Meireles eine Variation zum Thema Kunst und Markt eingefallen: Er lässt kleine Karren durch Kassel fahren, an denen man für einen Euro Kunst kaufen kann – ein Eis am Stiel. “Disappearing Element/Disappeared Element” steht auf der Verpackung. Und während das kalte Kunststück noch den Gaumen kitzelt und tatsächlich verschwindet, wächst die Erkenntnis. Zum Beispiel, dass auch diese Documenta nach genau 100 Tagen wieder verschwunden sein wird, ihre Einsichten aber bleiben.

 

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